Sonntag, 9. August 2015

Lasse reden

 

Welcher von euch grandiosen Frangipanis kennt nicht die grandiosen Ärzte? Und wer kennt nicht diesen grandiosen Song der im Jahr 2007 die Charts, das Radio, sowie Viva und MTV (in den kurzen Musikblöcken, die zwischen der Werbung und Dismissed laufen) überschwemmt hat.
Die Ärzte - Lasse redn

Kurze Zusammenfassung für die, die sich damals in einem funklosen Bunker befanden: Alle zerreissen sich das Maul über einen. Man ist anders, man ist alternativ, man fällt durch seine Einzigartigkeit auf, die Nachbarn kriegen sich gar nicht mehr ein vor lauter abstrusen Geschichten, die sie über einen erfinden.
Als das Album damals released wurde, waren alle Fans begeistert. Man schüttelte sich gegenseitig die Hände, man fühlte sich verstanden.

In die gleiche Kerbe hauen etliche schreckliche Gifs und Fotos bei Facebook. Vorrangig werden sie von strangen Arbeitslosen oder Meganormalos gepostet.
”Nimm mich so, wie ich bin! Ich kann dir ein toller Freund sein, aber versuche mich nicht zu ändern!”, “Wenn jemand zu mir sagt, DU BIST DAS LETZTE, dann lache ich – weil das Beste kommt zum Schluss!”, oder “Teile, wenn du mich akzeptierst, auch wenn ich anders bin und Tattoos habe!”
Jeder lamentiert über Hater, Neider und irgendwie Bitches, die einem nicht mal eine gut gelungene Blondierung gönnen.

Also… ich nicht.
Ich verfüge über einen grandiosen Unsichtbarkeitsschutzschild, der mich noch nie im Stich gelassen hat. Harry Potter wär so neidisch auf mich.
Wie ich das mache?
Ich existiere einfach. Ich bin brav, ich seh lieb aus, ich tu keinem weh und ich bleibe niemandem im Gedächtnis. Manchmal ziemlich nützlich. Manchmal auch hinderlich, zum Beispiel wenn der Biolehrer einen 4 Jahre lang mit Sandra anspricht (so heiße ich nicht) und mir dann keine mündliche Note zum Jahresabschluss verteilen kann, weil “die ja gar nicht hier in der Klasse ist”.
Beim Durchzählen werde ich einfach vergessen, obwohl ich eigentlich größer bin als eine Johannisbeere. In einer Gruppe läuft das immer so ab: “Mathilda, Brigitte, Esther und… die Andere gehen zusammen in eine Gruppe” – Freut mich euch kennenzulernen, ich bin “die Andere”!
Ich bin seit fast zwei Jahren in einer “leitenden Position”. Wunderbar, wenn sich keiner, den du nur selten mal siehst, deinen Namen oder dein Gesicht merkt und dich immer für eine älterere Auszubildende hält. (Immerhin habe ich so den Vorteil, mich 5-7 Mal vorstellen zu dürfen und so den Namen meines Gegenübers auch nochmal zu erfahren. Ich habe nämlich ein beschissenes Namensgedächtnis. Dafür behalte ich wenigstens Gesichter im Kopf!)

Schön und tröstend ist einzig und allein die Tatsache, dass ich nicht allein bin. Es gibt noch mehr Leute wie mich. Ruhig, lieb, spießig und ein bisschen unsichtbar.
Ich habe vor über 10 Jahren eine wunderbare Freundin kennengelernt, der es genauso geht. Wir verschwanden also Hand in Hand aus den Gedächtnissen unserer Mitmenschen, sobald wir aus der Tür hinauswaren und ließen die Leute höchstens mal nach Kathleen und Sandra fragend zurück.

 

Um aber auf die Eingangsbeispiele zurückzukommen… ich bin ja quasi einer der Spießspacken auf dem Dorf, brav und nicht auffallend, introvertiert und total normal.
Und ich frage mich jedes Mal – Leute, wo wohnt ihr denn und was für Mitmenschen habt ihr denn, dass man euch angeblich verurteilt, weil ihr Tattoos habt und ach-so-alternativ seid?!

Keiner hasst heutzutage mehr Leute, weil sie eine andere Musik hören, anders geschminkt sind oder gepierct sind. Klar finden manche das hässlich und würden euch deshalb im allerschlimmsten und oberflächlichen Falle nicht ehelichen wollen, aber giftet man die Leute so an, dass man Bilder auf Facebook posten muss und sich damit als Oberopfer der Gesellschaft markiert?

Ich vermute einfach mal: Die Leute, die “euch” nicht leiden können, die über euch tratschen und Gerüchte verbreiten und sonstige schlimme Dinge machen – machen das, weil ihr euch verstritten habt oder weil einer von euch beiden Parteien ein Arschloch ist.
Ich bin nun wirklich in der tiefsten katholischen Kleinstadtprovinz großgeworden. Sogar in meiner schlimmen Dark-überdark-Gothic-Zeit, in der ich Kajalstife quasi zum Frühstück gegessen habe, habe ich sowas nicht erlebt. Ich hab jedenfalls für meinen Charakter mehr in die Fresse bekommen als für meinen schwarzen Lippensftift und mein bröseliges Nietenarmband vom EMP.

Und im schlimmsten Fall ist man fremden Leuten einfach scheißegal.

2 Kommentare:

anno hat gesagt…

"Strangers think I'm quiet. Friends think I'm outgoing. But my best friends forever know I'm completely insane!einself"; geliked von den lahmsten Personen die ich kenne. Wenn ich Leuten mitteile, dass ich total nett und durchschnittlich bin (und so sehe ich auch aus), gucken sie wie Autos. Weil aber jeder so gerne anders zu sein glaubt, bin ich vermutlich als Normalo schon individuell. Das Lied von den Ärzten fand ich aber ganz schrecklich!

Rabenfeder hat gesagt…

Hach, schön gesagt! :D Jeder ist sicherlich irgendwo doch was Besonderes (naja, die Meisten, sagen wir mal), aber dass solche Kommentare und Posts immer von den ganz harten normalo-Mitläufern kommen müssen, gegen die ja sogar ich schon total crazy bin...? :D Schön, dass nicht nur ich das so empfinde. :)

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