Sonntag, 24. November 2013

Woran man merkt, dass man alt und spießig wird.

Was ich euch jetzt erzähle, ist kein düsteres Geheimnis.
Ich bin nicht nur ein verkappter Hippie, der sich anderthalb Meter nach der Türschwelle den BH vom Leib reißt, ich bin seit meiner Geburt ein heimliches Hausmütterchen.
Spätestens seit meinem Abo der "modernen Hausfrau" im Jahre 1997 war es für meine Familie offensichtlich; meine Vorliebe für Kochsendungen hatte ich schon in der Grundschule, tm3 war damals neben Tele5 mein Lieblingssender und wenn ich nach der Schule nach Hause kam, hab ich erst mal Avenzio eingeschaltet. Aber auch in der Jetztzeit ist mein ausgeprägtes Faible für Küchengeräte, Gadgets, Kram und Kruscht auch nicht gerade gut zu verheimlichen, wenn man sich die Küchenschränke anschaut, die aus allen Nähten platzen.
Ich reiße entzückt die Augen auf, wenn ich irgendwo Backzubehör entdecke, ich wünsche mir einen Kartoffelstampfer zum Geburtstag, ich kaufe mir sinnvolle Sachen für den Haushalt, ich sammle Kochbücher (Meine GU-Reihe wartet auf ihre Vervollständigung. Bücherregale verstopfen wie noch nie!).
Seit ich eine Küche habe, die größer als 1,5qm ist, hat sich die Situation noch zugespitzt. Ich koche zwar schon immer gerne mein Essen, aber jetzt backe ich für andere Brot, ich schabe Spätzle, ich rolle Klöße, ich backe Kuchen und mäste damit andere Menschen (Ihr dürft mich gern Molly Weasley nennen).
Das alles kann schon zu einem guten Teil leicht beunruhigend, wenn nicht sogar ein bisschen erwachsen wirken. Ich glaube, ich bin alt geworden. Und gesetzt. Und spießig. Ich bin jetzt 26. Kann man gleichermaßen wie eine 42 Jahre alte Hausfrau agieren und dabei über seine eigenen Witze lachen, bei denen selbst die 14 Jährige Großcousine facepalmt und sich für einen schämt?
Wenn ich mir aber Menschen meines Alters in meinen weiteren Bekanntenkreis, bei Facebook oder “im Internet” an sich so anschaue, wohnt ein Viertel noch bei den Eltern, steht aber voll im Berufsleben; ein anderes Viertel studiert noch oder ist in der Ausbildung und macht Party all night long und denkt nur bis zum nächsten Bafög; und die andere Hälfte hat gefühlte 8 Kinder, ist verheiratet und stolze Hausfrau und Mutti der besten Minimenschen bei Happy Family GmbH.
Ganz ehrlich? Für mich ist das alles absolut und vollkommen undenkbar und der absolute Horror. Für mich steht damit damit der Beweis: Schlimmer geht es immer.

Jedes Mal, wenn ich wieder ein Gejammertes a la “Oh noez, noch so viel Monat am Ende des Geldes übrig” lese, kriege ich akuten Brechdurchfall. Denn die Partynight im schwäbischen In-Club mit 25€ Eintritt zwei Tage vorher hat ja sein müssen, genauso wie die H&M-Bestellung, die man in 5€ Häppchen überweist, damit man keine Mahnung kassiert.
Manche fahren einen Neuwagen, top gepflegt, wöchentlich gewaschen und gewachst, gehen 2x pro Woche zur Maniküre, gehen zum Coiffeur (!!!) … aber lassen sich noch von der Mama die krumpeligen Blusen bügeln und die Unterhosen waschen. Wieso denn ausziehen? So bleibt mehr von meinem exorbitanten Gehalt übrig. Das hab ich mir verdient, denn immerhin hab ich studiert. Gern gehört: “Und außerdem - meine Eltern freuen sich! Die machen das gerne!” (Diese Sparte geht übrigens auch gern mit Kategorie 1 in den schwäbischen In-Club um dort mit  irgendwelchen Menschen zu zwielichtigen DJs abzudancen. Die haben aber immerhin die Kohle dazu.)
Bei vielen läuft das anders. Die nächste Motivtorte für die Kindergarteneinschulung ist für 8 Wochen das Thema Nummer 1; die Herbst-Wohnungsdeko wird ausführlichst in 3 verschiedenen Facebookmuttigruppen besprochen. Das Lieblingshobby (Neben Deko, Motivtorten ohne Geschmack aber viel Motiv und Minimenschen) bekommt ein Fotoalbum mit dreistelliger Füllzahl und dreht sich rund um das Thema – PUPPENHAUS. Vielleicht habt ihr davon schon gehört. Es wird ein nacktes Holzpuppenhaus gekauft, renoviert und der Werdegang wird detailliert fotografisch festgehalten. Wände werden per Hand mit Strukturtapeten verziert, jeder Dachziegel mit der Pinzette aufgesetzt und die Designerlampen mit MikroLEDs im Puppenwohnzimmer mit Uhrmacherwerkzeug verlegt. Es ist genau so spannend, wie es klingt. (Wenn ihr auch schon einmal dabei habt helfen müssen und dann dafür böse angemotzt worden seit, wie grobmotorisch und zerstörerisch ihr den Teppich im Puppenkinderzimmer verlegt, meldet euch, ich würde mir gern viel darüber von der Seele sprechen.)
Was mich auch schockiert? Wenn plötzlich nicht mehr der neue Gebrauchtwagen das Thema der Weiberabende ist, sondern die kirchliche Hochzeitsfeier und die Suche nach dem perfekten Hochzeitskleid und der passenden Tischdeko, und dass man ja nicht das Budget im 5 stelligen Bereich überschreiten möchte… wenn’s geht. Aber was sein muss, muss sein, man heiratet ja nur einmal.
Mich geht das ja alles nichts an. Aber: Heilige Scheiße. ICH möchte diesen Teppich nicht kaufen!
Jeder soll es wirklich so machen, wie er glücklich wird. Leben und leben lassen. Ich gammle weiterhin im Internet herum und versuche mich nebenher als Tante Hertha zur Hausfrau des Jahres gewählt zu werden.
Aber bitte, versucht mir nicht zu erzählen, dass nicht trotzdem jeder den anderen insgeheim  mit ein bisschen gerunzelter Stirn anschaut und denkt:  “Die lebt ja nur für die Arbeit, sonst hat sie ja nichts”, “Ein bisschen mehr Selbstständigkeit könnte dem ja nicht schaden, was weiß der schon vom Leben”, “Hat die überhaupt noch ein eigenes Leben?” oder schlichtweg “Für MICH wär das ja nichts”?
Woran man merkt, dass man alt und spießig wird? Daran, dass einem die anderen trotzdem immer noch schlimmer, spießiger und älter vorkommen natürlich.

11 Kommentare:

MoMa hat gesagt…

haha, toller beitrag :D
ich bin auch 26 und fühle mich auch meist schon irgendwie "alt". das liegt aber vor allem daran, dass alle kinder bekommen und heiraten (nur ich nicht). und halt nur erwachsenendinge machen und nur über erwachsenendinge sprechen.
und wenn ich mir manche kinder und teenies von heute ansehe, ach was heißt manche, fast alle!, stehe ich nur kopfschüttelnd da und frage mich, was zur hölle nur passiert ist in den paar jahren, als ich noch teenie war.

buntewollsocke hat gesagt…

Ich fühle mit dir und denk mir das auch immer mal wieder. Ich bin 26, wohne schon sehr lange nicht bei Mama, habe zu viel Küchenkram (und eine dafür zu kleine Küche). Ich schmunzle über jene, die nach der Schule/Uni/Arbeit ihr Mikrowellenessen "kochen" und bin grundsätzlich die, die nicht in Clubs geht. Das Schlimmste: Ich war im Sommer in einem Club. Das erste Mal seit Langem. Zu einer 90er Party. Und ich fand's richtig geil. Ich bin gleichzeitig reifer und erwachsener als andere (Partyhasen, die bei Mama wohnen) und dennoch nicht erwachsen (so ohne Mann, Haus und Kinder).

silentstranger hat gesagt…

Liebste Viva,

ich reihe mich mal ein in die Riege der 26er, die sich alt fühlen. Party machen (bei uns im Osten weit günstiger als 25 Euro Eintritt) bis in die Früh - schon lange*hust* her. Mittlerweile bin ich froh, wenn ich bei nem Konzert (gerade Silvester) bis Mitternacht durchhalte.
Bei meinen Eltern wohne ich seit 2006 schon nicht mehr und möchte auch im Leben nicht wieder zurück. Versteh mich nicht falsch, meine Mutti ist total toll, aber ich möchte nicht mehr mit den beiden unter einem Dach leben. Dafür hat man sich selbst zu sehr seine eigene Welt aufgebaut.

Und ja, das mit den Küchenutensilien kenn ich. Wir (ich und mein Freund, aktuell noch zwei Wohnungen) haben uns von meinen Eltern eine Küchenmaschine im Jamie Oliver-Style gewünscht (dieses totschicke Ding) mit zwei Raspelscheiben und Smoothie-Maker und Schnickschnack). Und ja, Kochsendungen werden auch angeschaut und abgekupfert. Erst gestern wieder - losen Reis mit vorgekochtem Wasser aus dem Wasserkocher. Man geht das schnell.

Wir werden nicht alt uns spießig, wir haben nur andere Vorstellungen vom Leben ;)

LG,
Claudi

YoursSabrina hat gesagt…

Ich erkenne mich wieder...ich bin zwar erst 21 aber dieses Jahr ausgezogen, Versucher nicht zu viel küchenkram anzusammeln und bekoche meine Nachbar oder lade spontan Besuch zum essen ein. Wobei Knödel oder Nudeln, die habe ich noch nicht selbst gemacht...

Ich gehe auch nie auf Partys, das Geld stecke ich lieber in Schminke und blogqquipment :-D meine Freunde sagen alle ich bin zu erwachsen aber kommen gerne zum essen. Für ü40 haben sie mich erklärt als ich das erste mal Suppe portioniert eingefroren habe

Chinda-chan hat gesagt…

Ich reih mich in 26er Schlage ein. :-D

Hm, also manchmal hab ich auch das Gefühlt, ich werde alt, wenn ich die Teenies von heute sehen - aber irgendwie kommt es mir wie gestern vor, als ich selber einer war. Und ich komm mir jetzt auch nicht großartig erwachsen vor (gut, den Glauben, dass ich das je werde, hab ich schon aufgegeben) - wenn ich denke, dass manche in meinem Alter schon Kinder haben, läuft es mir eiskalt den Rücken runter. *brr*
Aber ich war auch nie die, die viel in Clubs geht und was halt so cool war, also war ich evtl. damals schon spießig (na, nicht wirklich, eher ein Rebel). XD
Ach ja, ich koche auch gerne, wohn schon seit 5 Jahren in meiner eigenen Wohnung - und am nächsten Herbst zusammen mit meinem Freund - und verdiene auch meine Brötchen selber. ;-)

Alice hat gesagt…

Ich durchbreche mit meinen 29 die Schlange. Ich komme mir ganz "normal" vor, in meinem Umfeld wird nun allmählich mal geheiratet, die 31-Jährige (und somit älteste Frau) bekommt nun als erste ein Kind... gemessen an meinem Bloggerdorf bin ich aber eher unnormal, Kinder kann ich mir nicht vorstellen *hihi* Wir haben jetzt Katze. Das reicht. Ich kenne übrigens niemanden der after Studium noch zuhause wohnt. Liegt vielleicht an der Region.

Viva hat gesagt…

Google hasst mich und frisst meine eigenen Kommentare. Den langen Post krieg ich jetzt nicht mehr hin, aber: Alt sind wir erst dann, wenn wir Dekotipps aus der Für Sie befolgen und Pinnwandmagnete mit Stoffresten beziehen, damit sie zu unserer Bettwäsche passen.

Valandriel Vanyar hat gesagt…

Hm, ich möchte gerade die armen Studenten verteidigen :-D

Nun ja, ich bin 24, zu Studienbeginn aus dem Hotel Mama ausgezogen, habe für einen Studenten angeblich eine perfekt ausgestattete Küche, koche & backe gerne und hätte gerne irgendwann mal einen Balkon, um wenigstens Kräuter anpflanzen zu können.

Spießig fühle ich mich dagegen gar nicht. Ich habe meine Hobbies und gehe trotz wenig Geld 2-3x im Monat in die Disco. Das sind aber schwarze Szeneclubs, in denen Getränke & Eintritt bezahlbar sind und diese Stunden tanzen und Freunde sehen brauche ich auch. Da schalte ich dann ab und vergesse Studienprobleme, Geldsorgen und den Stress.

Die ersten Kinder und Hochzeiten gibt es bei mir auch schon. Von Cousine über ehemalige Schulkolleginnen alles dabei. Jeder soll das tun, was er möchte, aber ich könnte mir diesen Lebensweg nicht vorstellen. Ich mache doch kein Abi, um dann daheim zu sitzen, Freund & Kind versorgen und immer den perfekten Haushalt zu haben??

Und gerade spare ich für eine Fritteuse und eine Eismaschine. Andere Kommilitonen sparen für das neuste Handy, ich bleibe meinem verschrammtem Smartphone von 2010 treu :-D

LG Valandriel

berit hat gesagt…

Oje, das kommt mir sehr bekannt vor. Um mich herum (28) sind auch schon gefühlt alle verheiratet und bekindert und während ich mich wirklich für alle freue, wäre es bis vor kurzem auch überhaupt nicht meins gewesen. Während Discos auch nur bei 90er Jahre feiern (It's a party!) meins sind, gehe ich unheimlich gern auf Punk/Metal-Konzerte - das reicht dann aber auch bis 1 uhr, dann muss die alte Frau nach Hause :-D

Und zu meiner Vorkommentatorin: Ich mache doch kein Abi, um dann daheim zu sitzen, Freund & Kind versorgen und immer den perfekten Haushalt zu haben?? - Du kannst auch mit Kind arbeiten, lass dir bitte nicht einreden, dass du dann eine schlechte Mutter wärst nur weil es im Kindergarten/bei der Tagesmutter ist...insofern man überhaupt einen Platz bekommt, aber ich schweife ab und knabber lieber an meiner selbstgebackenen Nussecke :D

Valandriel Vanyar hat gesagt…

@Berit:
Natürlich kann man mit Kind arbeiten (würde ich auch tun, sollte ich irgendwann doch eins bekommen) - aber ich habe zB. eine Cousine. Die ist so alt wie ich, hat ein Kind und ihre Ausbildung abgebrochen. Stzt jetzt mit Kind daheim, Freund arbeitet und sie schmeißt den ganzen (!) Haushalt alleine...

violett151 hat gesagt…

Ich bin gestern zufällig auf deinen Blog gestoßen und ich weiß nicht, ob es daran lag, dass es gestern schon halb eins nachts war oder der ätherische Duft von meinem neuen Shampoo mich umnebelt hat, aber als ich deinen Post gelesen hab, bin ich mindestens fünf Mal in lautstarkes Lachen ausgebrochen :D dieser hier war erst der 2. Post, den ich gelesen hatte (der 1. war das Projekt Bierhefe. Und du hast mich überzeugt! Ich will das Zeug jetzt auch ausprobieren:D) und du sprichst mir aus der Seele. Anscheinend kennt jeder von uns solche Leute :D

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