Donnerstag, 16. Juni 2011

Rachki - der Bonbontester

In jeder halbwegs gut sortierten Mittelstadt gibt es nicht nur einen Klamotten- und Schuhinder, einen Obstgemüsetürken und einen Asiakitsch-Chinesenshop, sondern auch einen Feinkostrussen.
Zumindest verkauft er das, was in Russland Feinkost genannt wird, entweder an dort Einheimische - oder eben an leichtgläubige Kinder, die auf dem Schulweg am einzigen Laden der Gegend vorbeistolpern und ihre Jackentaschen für den Heimweg füllen wollen.
So kam es, dass ich etliche Male mit unbekannten russischen Süßigkeiten aus dem winzigen kioskartigen Gebilde lief, in dem es immer so sonderbar roch (nicht so sonderbar wie im Asiashop!) - mit Produkten, die auf den Bildern recht giftig, aber doch interessant aussahen und von denen ich keine Ahnung hatte, was zum Henker es darstellen soll, weil ich nicht lesen konnte, was draufstand und die Oma an der Kasse nur leidlich deutsch sprach ("Eine Mark, tschuuuß!")

Wie oft bin ich auf tolle Aufdrucke hereingefallen und habe dann später versucht, die Sachen an andere gutgläubige Kinder zu verschenken.  Da hätten wir vermeintliche "Kaugummis" (sich im Mund verflüssigende Kaubonbons), "Kekse" (scharfe Cracker), "Bonbons" (bittere Teile, von denen ich bis heute nicht weiß, was es war, vermutlich illegal eingeführte Medikamente), "Gummibärchen" (bockelhartige und splitternde Zuckergebilde), und "Nougat" (Cremiger Nachtisch im Becherchen), und das allerschlimmste: "Weiße Schokolade", von dem ich auch nicht erfahren habe, was es ist. Es war hart, es hatte kaum Geschmack, war aber süß und ekelhaft zugleich. Helft mir, was könnte ich schreckliches gegessen habe?

Ich habe also eher leidliche Erfahrungen mit russischer Küche gemacht, muss ich sagen. Bis auf die abartigen tollen Gebäckkringel der Oma meiner Freundin habe ich nichts gefunden, bei dem ich nicht mit eisenhartem Gesicht versucht habe, Contenance zu wahren, um nicht alles sofort wieder auszuspucken. Ich bin mir sicher, es liegt bei den meisten Produkten vorrangig daran, dass ich einfach nur etwas anderes erwartet habe.. aber es schockte mich nachhaltig. :D

Nach dieser rührseligen Vorgeschichte war ich von meinem Wagemut selbst überrascht, als ich im Kaufland eine Tüte entdeckte, der ich nicht wiederstehen konnte.

Bitte gebt zu, dass diese Bonbonverpackungen schon so russisch aussehen, dass sie ohne Umschweife bei einer russischen Oma in eine Porzellan-Schale in Schwanform gefüllt werden kann (der auf einem gehäkeltes Spitzenuntersetzer steht, der wiederum auf einem überladenen Beistelltisch mit Schleifen, Blumen und diversem Glaskitsch steht), sonst fühle mich rassistisch.

Auch die Zutatenliste liest sich hervorragend abschreckend.
Hmmyammi, Zuckerablaufsirup und Margarine! Herrlich!

Aber egal. Es steht Bonbon drauf, Schokolade und ERDNUSS! Da macht mir so ein bisschen ernährungsphysiologischer Scheiß doch keinen Strich durch die Rechnung.

Die Tüte beinhaltet also zwei verschieden Sorten Bonbons. Beide sind gleich gefüllt, nur der Überzug teilt sich in zwei Gruppen - ein Part Schokolade und einer Zucker.
Ich erwarte beim Schokokügelchen etwas wie M&Ms und könnte loskotzen. Alter, das Zeug ist BITTER. Billigstes, fettiges Zartbitter, körnig und sandig ohne jeden Schmelz. Wenn ihr schonmal ein paar Jahre alte sizilianische Confetti aus einer Bomboniera geklaut habt, könnt ihr euch ungefähr denken, worauf das hinausläuft.

Aber heidewitzka - die Füllung. Oh mein Gott. Sobald ich die Ekelschokoschicht durchbrochen habe, finde ich meinen heiligen Erdnusskrokantgral.
Und das tolle: Die zuckerbonbonumhüllte Version ist rundum der absolute Knaller, weil rundherum von Anfang bis Ende leck0r.

Leute, ich sage euch: Probierts. Es schmeckt famos und durchbrach meinen Teufelskreis der russischen Reinfälle.

Ich fühle mich jetzt sehr globetrotter-ig und will mehr famose Auslandsschnuckereien!

10 Kommentare:

Tüdellütti hat gesagt…

Račti-Assorti!

Beim ersten Bild dachte ich die Füllungen wären Hummer und Entchen, ich bin enttäuscht...

Shiva hat gesagt…

Irgendwas muss in meiner Kindheit geschehen sein, dass ich grundsätzlich die Finger von russischen Lebensmitteln lasse. Wahrscheinlich haben mir die weißrussischen Freunde meines Vaters (Russland, Weißrussland, ist doch alles das selbe da drüben --> Rassistenalarm!!!) irgendwas vorgesetzt, das mich traumatisiert hat.

Und diese Bonbons sehen mir sehr nach Hinter-Ostdeutscher-Grenze aus XD (Oh Gott, nach diesem Kommentar hassen mich wahrscheinlich alle Ausländer). Da lass ich lieber mal die Finger von!

E.T. hat gesagt…

naja, mit russischem Essen kenn ich mich gar nicht aus :o) das undefinierbare eingelegte Zeugs im Suppenmarkt läd nicht grad zum testen ein^^ von der Nachbarin gab es mal Pirogen oder so ähnlich (gefüllte Teigtaschen wie Ravioli nur ohne Soße und irgendwie ohne wirklichen Geschmack) :D
aaaaaaaaaaber der echte russische Wodka hat es in sich *holla die Waldfee*

Lieben Gruß, Eva

Anonym hat gesagt…

Ay, ich kenn die Dinger. Die gibts auch in Polen und da heißen sie Raczki. http://www.opinie.senior.pl/zdjecia/Cukierki-lizaki-drazetki/Raczki-3804-big.jpg

Die Zuckerschicht ist auch nicht so meins, allerdings ists dann umso besser, wenn man bei der Erdnussfüllung angekommen ist. :)

Apfelkern hat gesagt…

Ui, da ist Schellack drin. Dann hast du symbolisch Schallplatten geknabbert.

Meine Erfahrungen mit diesen mysteriösen russischen Bonbons waren bis jetzt positiv: bunte Verpackung, rätselhafte Schrift darauf und darin klebrig süßes Vergnügen. Allerdings waren sie vorselektiert von meinem Papa, der rudimentäre Russischkenntnisse hat.

Viva hat gesagt…

Wow, es gibt Rachki-Alternativen! Danke! Wenn mir jetzt nur noch jemand übersetzen könnte, warum sie "Hummerschwänze" heißen und mich damit beruhigen.. :D

Dämonica de Rosa hat gesagt…

Waren bei deinen "Kaugummis" auch immer Klebetattoos drinn, die nur unter größter anstrengung wieder abgingen?

Viva hat gesagt…

Dämonica, das weiß ich gar nicht mehr. Die Packung war aber auf jeden Fall rosa. :)

Anonym hat gesagt…

omfg..hats mich grad vom Stuhl geschmissen vor Lachen..+ weggeheulte Schminke^^
also meine Mama kocht viele leckere russische Leckereien..aber Süßigkeiten? Esse ich nicht xD Ich finde die alle schrecklich^^

PS: so nen Schwan haben wir auch xDDD

LG, MissApple

Anonym hat gesagt…

Wie nett, meine Omi hat so eine riesigen Swarowski-Schwan, sogar drapiert auf beigen Häkeldeckchen und dem Holztisch in Walnuss lackiert, yay. Ich weigere mich übrigens standhaft, die exquisiten Leckereien meiner Familie zu probieren, da ich als Kind ein Erlebnis mit Bitterschokolade und getrockneten Pflaumen hatte. (Getrocknete Pflaumen!)

Liebe Grüße von der Potter-Bitch. <3

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