Mittwoch, 11. August 2010

Meine Reise in die Welt der Tussis

Heute ein wenig: Tussibashing! Nein, ich habe euch nicht verschwiegen, dass ich in Wirklichkeit eine 1,85m große, ultradünne Stuntblondine bin, die ja sowas von antigirly und hart ist. ;)

Ich habe zum ersten Mal ein Nagelstudio betreten.
Eine Freundin bat mich um meiner erheiternde Begleitung und ich wollte mir diese Chance auf keinen Fall entgehen lassen - ich wollte endlich wissen, was hinter diesen Teilen steckt, die ich immer liebevoll "Schaufeln" nenne.

Wir kennen sie alle und sie polarisieren die komplette Mädchenwelt.. Gelnägel. Acrylnägel. Schaufeln.
Die einen lieben sie, die anderen finden sie nicht sehr hübsch.
Die einen finden sie praktisch, da sie nicht einreißen oder splittern können, die anderen finden sie unnatürlich.
Die einen finden sie gepflegt, die anderen finden sie .. hässlich.

Wir betraten die Höhle des Löwen, die auch gern "zum goldenen Löwen" hätte heißen können, denn das Studio liegt fest in asiatischer Hand. Ein betörender Duft (Kopfnote: Formaldehyd, Herznote: Lösungsmittel, Basisnote: Alkohol) umweht uns und ich werde sofort high. Macht nichts, ich lege eh nicht soviel wert auf intakte Schleimhäute.

Meine Freundin nimmt also an einem kleinen, rosa Tischchen platz. Eifrig schnatterten die beiden Nagelstylistinnen in ihrer fremden Sprache miteinander, eine Kundin saß wortlos und irritiert guckend auf ihrem Platz und ließ sich grad mit einer riesigen Feile bearbeiten.
Wortlos beginnt die Nageldame, das alte Gel herunterzuschreddern. Währenddessen erblüht die Basis einer Wohlfühlatmosphäre: Ein freundliches, warmes Gespräch ("French?" - "Ja, genau." [...] "Vielleicht.. also, ich dachte vielleicht, ein paar Verzierungen jeweils am Ringfi.." - "2 Euro mehr." [...] "Ihr macht auch Airbrush, hab ich gehört?" - "Ja. 2 Euro mehr.")!

Hmm. Ich schaue mich um. Bilder von riesigen, spitzen Nägeln, verziert mit Tonnen von Glitzerpartikeln, Steinchen, Piercings und 3D-Blumen. Uaarh. Gott sei Dank gibts sowas nur für Fotos und Bil...
Oh.
Die Nageldamen tragen Flipflops. Und gut zu sehen: Lange, gefrenchte Fußnägel.. verziert mit Steinchen, Piercings und 3D-Blumen. Kein Wunder, dass die Flipflops tragen - das hat nichts mit Gemütlichkeit zu tun, sondern beruht schlichtweg auf der Tatsache, dass sie 1. ihr Können zeigen wollen (und dafür jede Fläche nutzen möchten), und 2. in kein anderes Paar Schuhe reinkommen würden.

Ich beobachte also das Geschehen und sehe das erste Mal seit Jahren die echten Nägel meiner Freundin (bis auf die jämmerlichen Trümmerhaufen, die zurückbleiben, wenn sie sich wieder einen Nagel zerdeppert hat.. was oft vorkommt.). Woooow. Sie sieht menschlich aus!
Schicht Nr 1 wird aufgetragen. Sieht aus wie Nagellack, aber matt und muss offensichtlich nur schluderig aufgetragen werden. Danach wird wieder abgefeilt. Hm. Danach kommt eine weitere Schicht darauf.
Diese Prozedur wiederholt sich gefühlte 15 Mal, unterbrochen von Wärmepustern und UV-Lampen.
Erstaunlicherweise sehen die Nägel noch genauso aus wie vorher, nur dass die Nagelhaut mittlerweile sauber abgefräst wurde (so wirkte es zumindest. Klärt mich auf!).

Nun kommt der erheiternde Teil: Airbrush! Mithilfe einer Schablone werden weiße Spitzen gesprüht - und ich bin begeistert. Gut, es sieht zwar etwas übertrieben weiß aus und wird wohl im Schwarzlicht leuchten, aber die Nägel sind noch als (sehr sauber) lackierte Nägel zu erkennen.
Danach kommen 1 bis 3 Schichten von "Whatever", mit Zwischentrocknungszeiten und Solariumbestrahlung. Wir diskutieren über die Wahl der Verzierung ("2 Euro mehr!") - von Seiten der Nageldamen wird weiterhin geschwiegen. Zumindest, was die Kunden betrifft. Ab und an fallen zumindest einige asiatische Sätze zwischen den Kolleginnen. Beruhigend, denn sonst hätte ich mir gedanken darum gemacht, ob mit meinen Ohren alles in Ordnung ist, so still ist es.
Die obligatorische Zierblume mit Steinchen (..) wird aufgetragen. Darüber wieder ein obskures Whatever aus dem Nagellackfläschchen. Und Nagellack. Zwei Schichten. Dazwischen.. Blaulicht.

Komisch.. fast 1,5 Stunden sind rum, und die Nägel sehen noch aus wie Nägel. Was habe ich verpasst? Hat sich die Technik innerhalb der letzten Wochen grundlegend verändert und die Gelschichten müssen beim Rauswachsen keinen Centimeterkrater hinter sich lassen?! Meine Irritiation wächst in ungeahnte Sphären: Was ist denn hier los? Ich kenn mich nicht mehr aus.


Ein neues Döschen wird aufgeschraubt und mit einem Pinsel wird es entnommen - das Grauen in Gelgestalt. Uaarh. Ein dicker, fester, zäher, glasiger Tropfen hängt absonderlich an diesem Pinsel und wird aufgetragen... und mit ihm nimmt das Schicksal seinen Lauf. Ahh, ab hier kenn ich mich wieder aus!

"Ist das das Gel?"
- "Nein, das ist die Versiegelung.", verrät mir meine Freundin. (Die Nagelstylistin schweigt, btw.)

Ok.. Versiegelung? Wovon denn? Von den anderen, vermutlich sinnlosen 37 Schichten von Primern, Cleanern, Moisturizern, Lacken, die gar nichts getan haben außer Hollow Man zu spielen.
Sichtbar ist einzig und allein dieser fette Klumpen geschmolzendes Glas, der die Nägel endlich in das verwandelt, was es darstellen soll:
Bestempelte Schaufeln mit Glitzerperlen.

Ich geh jetzt meinen Rausch ausschlafen.

7 Kommentare:

Lewelya hat gesagt…

*lol* sehr unterhaltsamer Post:-)
Ich bin auch jemand, der diese Nagelstudiosache nicht versteht:-D

peach hat gesagt…

:)))
Wunderschön beschrieben! Ich habe ebenfalls eine Freundin, die alle gefühlte zwei Wochen zum Nagelstudio pilgert und diese Prozedur über sich ergehen lässt. Nachdem sie aber einmal 2 Monate nicht dazu gekommen ist und ihre Nägle aussahen als ob ein anderer kleinerer Mensch herauswächst, hat sie sich gedacht "ich mal da jetzt mal mit ner Farbe drüber, damits net ganz so doof aussieht" und wurde prompt von ihrer Nagelstylistin in die Schranken gewiesen. Geht ja mal gar nicht, die schönen Gelnägel verstecken...tztztz.
Aber eigentlich darf ich gar nix sagen, als künstliche Blondinde muss ich auch alle 2 Monate zur Frisöse meines Vetrauens rennen, um nicht wie ein nasser Hund auszusehen. Das Ganze dauert dann auch geschlagene 3 Stunden (auf dem Hocker, auf dem ich sitze, fühlt es sich allerdings an wie 10) und ich sehe dabei aus wie ein Marsmensch mit schwarzer Schutzhülle, nur um danach wieder wie eine Glühbirne strahlend nach Hause zu fahren.

my private jet hat gesagt…

Well done :) Ich konnte mich fast richtig reinfühlen :) Kenne mich auch nicht aus mit dem Jedöns, obgleich meiner asiatischen Wurzeln ;) LG

Sankiara hat gesagt…

Sehr geiler Post. Habe mich total weggelacht. Ich habe dieses Gel-Ding auch noch nie verstanden. Ok, ich wurde von Mutter Natur mit sehr festen Nägeln bedacht (bei mir brechen nicht die Nägel ab, sondern die Haut unter den Nägeln löst sich, was auch nicht so wirklich angenehm ist), aber mal ehrlich, diese Gel-Dinger sind einfach nur häßlich!

Und das Beste ist, dass die Trägerinnen meistens noch behaupten: "Wieso Kunstnägel, das sind doch meine eigenen!" Auf Gegenfragen kommt dann nur ein "unter dem Gel ist alles mein eigener Nagel!" ?!?!

MyOne hat gesagt…

*lach* ich war noch nie in sowas drinne.. Ne Freundin von mir macht sich die Nägel immer selbst :) Toller Post!

Sankiara, das kenn ich nur zu gut :)

Viva hat gesagt…

Erstaunlich, dass es doch noch so viele Gegner gibt - hier stolpere ich alle zwei Meter über plastikbenägelte Damen :D Ich muss zugeben, die Muster und Verzierungen find ich oft wirklich schön, aber es wäre noch schöner, wenn es sich nicht unter einem transparenten luftschutzbunker befinden würde..

Oh ja, Sankiara! Der Klassiker! "Das SIND doch meine eigenen Nägel!" - ja, bis auf die centimeterdicke Plexiglasebene, die den ganzen Nagel ausmachen.. die hauchdünne, kümmerliche Schicht, die sogar der Hornhaut am Zehenballen nicht das Wasser reichen kann, das ist noch deine eigene.

Apfelkern hat gesagt…

Den Post kann ich so unterschreiben - denn er spricht mir aus dem Herzen. Warum tun sich Frauen sowas an: hässlich, teuer und unpraktisch. Und wofür? Genau, für die Konjunktur. Was man nicht alles für den Aufschwung tut.

Kommentar veröffentlichen

Bitte hier Ihre Blogwerbung mit schmalzigen Herzchen einfügen.