Montag, 20. April 2015

Scaryface

 

Ich habe 7 Tonnen Schminke und nicht genug Zofen, um meinen Bestand zu zählen.
Trotzdem schminke ich mich im Alltag gar nicht mehr. Wisst ihr warum?
Weil die Menschheit irgendwann verlernt hat, mein normales Gesicht zu ertragen.

Wenn man erst mal anfängt, sich jeden Tag auch nur ein bisschen aufzuhübschen (Mascara für die Albinowimpern, Concealer gegen die Augenringe, Puder gegen Speckbacken), gewöhnt man sich irgendwann daran, sich nicht mehr erschrecken zu müssen, wenn man an einem Schaufenster vorbeiläuft.
Das geht den Kollegen und Freunden aber auch so. Und wenn man einmal morgens verschläft, zu lange apathisch auf dem Klo sitzt oder einfach nur keine Lust hat:

“Oh Gott, wie siehst du denn aus? Ist was passiert? Geht’s dir nicht gut? Was hast du denn mit deinen Augenbrauen gemacht?!”

Prompt habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Oder ich fühlte mich genötigt, zuzustimmen - denn offenbar sah ich ja aus wie ein Pferdepo, da kann ich mir wenigstens eine Ausrede einfallen lassen. Wär ja auch zu peinlich, wenn mein normales Gesicht so entsetzlich wäre.
Ich muss mehrmals die Woche um 4.30 Uhr aufstehen. Natürlich sieht man dann auch nicht gerade aus wie auf den Out-of-bed-Fotos bei GNTM. Aber noch früher aufstehen, damit sich nicht alle sorgen? Oder gar nach dem Nachtdienst noch mal kostbare 5 Minuten für’s Abschminken brauchen? Im Ernst?

Ich habe mich also auf einen kalten Entzug begeben, der bestimmt schon 2, 3 Jahre her ist. Kein Schminkipupi mehr für die Arbeit. Ich habe meine Kollegen abgehärtet. Keiner erschrickt sich mehr vor mir, außer wenn es mir wirklich mal nicht gut geht, aber das lasse ich dann auch mal gelten (“Huch, ist dir schlecht? Du bist SO blass. Also, noch blasser. Du bist.. ENTFÄRBT!”).
Ich habe mich an meinen Anblick auch gewöhnt. Natürlich finde ich mich schrecklich, aber immerhin fühle ich mich nicht mehr so furchtbar wie nach solchen Huch-Oh Gott-Kommentaren.

Wenn einen die Welt nur in schrecklich kennt, ist man aber immerhin der Renner auf privaten Feiern und sonstigen Anlässen. Ein bisschen Mascara und so Kruscht und schon äußert sich jeder positiv.


… was einen dann aber natürlich wieder ins Grübeln bringt, ob man denn mit normalem Gesicht zu entsetzlich aussieht, dass ein bisschen Mascara und Concealer die ganze Welt jubeln lässt.

Montag, 2. März 2015

Willkommen im Kreis der anonymen Leecher


Hallo, ich bin Viva.
Ich mache meinem Namen alle Ehre und bin ein Schmarotzer.

Wenn ich mir etwas kaufe, ist es immer wohlüberlegt. Ich informiere mich, ich vergleiche, ich durchforste das komplette Internet. Manchmal recherchiere ich länger über ein Produkt, als dass ich Freude daran habe. 15 Internetshops mit 137 Produktvarianten meiner geplanten Anschaffung sind da noch die Untergrenze meines Ehrgeizes.

Dann, nach Tagen, manchmal sogar Wochen der intensiven, fast schon pathologischen Beschäftigung mit diesem einem Thema …  schmeiße ich frustriert das Handtuch. Weil ich mich einfach nicht entscheiden kann, weil ich mich damit selbst von dem Wunsch, das Produkt zu besitzen geheilt habe, weil die Entscheidung mir grad zu viel ist -  oder weil ich mittlerweile durch die nervöse Knibbelei keine Fingernägel mehr habe und mein Blutverlust durch die aufgebissene Unterlippe mir mein Hirn vernebelt.

Falls ich diesen Zustand überwunden habe und mich einige Tage regeneriert habe, kommen erneute Überlegungen auf.

Aber ganz objektiv betrachtet verlasse ich mich fast nur auf die Rezensionen. Auf die Bewertungen und Sternchen der Kunden. Auf die Erfahrungsberichte der Käufer und die Reviews auf verschiedenen Plattformen. DIE sagen uns das, was hübsch ausgeleuchtete Produktfotos, trockene Infos und schwärmerisch hingehauchte Beschreibungen in Onlineshops, die der QVC-Puppenstunde alle Ehre machen, NICHT tun.

Irgendwann bestelle ich mir dann mein glorifiziertes Objekt der Begierde, lobpreise die ganzen netten Menschen, die mir das ermöglicht haben, erwarte sehnsüchtig die Ankunft meines Päckchens.
Dann kommt die Lovestory des Jahres. Vollste Ergebenheit, langsames Kennenlernen, Vorstellung bei meinen Eltern.

Und dann.. war’s das.

Weil ich NIE, NIEMALS in meinem Leben einen Erfahrungsbericht oder eine Rezension IRGENDWO geschrieben habe. Obwohl sie mir das ausschlaggebende GO oder den Klaps geben, einen Einkauf zu tätigen oder zu lassen.
Egal wie zufrieden oder unzufrieden ich war, ich behalte es einfach für mich.
Jegliche Vorsätze, mein Verhalten zu ändern, verlaufen im Sand.

Ich bin schlimmer als 7 Brigittediäten zusammen.
ICH BIN EIN LEECHER.

Und alle laufen meinetwegen vielleicht ins Verderben. Kaufen sich beschissene Kameras oder Staubsauger, verlieren ihren Sinn im Leben und müssen in therapeutische Behandlung.

Alles nur weil ich faul bin.
Wie kann ich eigentlich Nachts noch ruhig schlafen?!

Montag, 9. Februar 2015

Show your Perfektness, don’t be menschlich

 

Ich habe die letzten zwei Wochen im Invalidenstand verbracht und hatte plötzlich Zeit. Viel Zeit. Und damit Langeweile. Und Zugang zum Internet.

Nach dem großen Blogsterben in meiner Blogroll hab ich mich auf die Suche nach neuen interessanten Seiten gemacht, querbeet durch jegliche Themen (ich habe doch gesagt, ich bin verzweifelt gelangweilt). In einschlägigen Foren fand ich nicht nur Tipps, sondern hauptsächlich gigantische Lästerwellen. Ich war also hellauf begeistert.

Es ist wohl nicht nur an meiner persönlichen Missgunst, aber offenbar bekomm nicht nur ich eine seltsame Gänsehaut, wenn ich eine absolut durchgestylte, überpefekte, blogtauglich getrimmte Frauenwelt sehe. Aber das ausgiebige Zelebrieren seiner überorganisierten Geilheit ist fast noch schlimmer, als überhaupt so perfekt zu sein.

Garniert wird das ganze mit beweisenden Dokumentarfotos.
Da hätten wir  “Chillen im Wohnzimmer” – Blick aufs minimalistisch leere Wohnzimmer. Ikeagerecht nachgebildet, leuchtende Dekozweige, kein Stäubchen auf dem polierten Möbelholz, drei perfekt arrangierte glänzende Schneewittchenäpfel auf dem Sideboard, perfekt zusammengelegte Kuscheldecken über den Sessellehnen. Nein, die eingerahmten Pärchenfotos in der Collage über der Couch gibt dem kühlen Zimmer trotzdem keinen Hauch Persönlichkeit. Auch die mundgeschnitzten Holzbuchstaben “HOME” machen es leider nicht heimelig.

”Schnelles Frühstück nach dem Morgenlauf, dann ab ins Büro” – hübsch garnierter Obstsalat. 17 verschiedene Obstsorten (nicht gewürfelt, sondern in gleiche griechische Gottheiten geschnitzt), fetter türkischer Joghurt (weil man natürlich nicht auf seine Figur achten muss, denn stundenlange Workouts sind so selbstverständlich wie pinkeln gehen), frischgeröstete Pinienkerne, Biohonig, gepflückte Blümchen als Garnitur drumherum gestreut. Daneben ein wertvoller philosophischer Schmöker und eine neckische Tasse mit stoffwechselanregendem grünen Tee, der mit “himmlisch duftend” beschrieben wird, aber bestimmt nach Bauernhofpup schmeckt.

“Mal eben für die Jungs einen Kuchen gebacken” heißt auf Backblogs nicht, dass Marmorkuchen in der Kastenform zählen würde. Nein, muss sahnigbuttrigperfekt sein. Der reichhaltigste Schokoladenkuchen ever, hauchfeine Biskuitböden mit noch feineren Zutaten. Traumhaft garniert mit selbstgeschnitzten Fondantblümchen, selbstgestrickten Schals aus Karamellfäden für die Schokotäubchen und mindestens 7 Tage durchgezogen sein, mit selbstgekochter Marmelade betupft, für das besondere “Etwas”. Dazu sind Feinschmeckerstücke auf solchen Blogs so herzlich, so blumig beschrieben, das mein Heuschnupfen sich meldet.
Ich muss mir dann immer vorstellen, wie die armen Jungs warten müssen, bis das Licht richtig fällt, der Kuchen im Ganzen abgelichtet worden ist (von der Seite, von oben, im Querschnitt), dann das einzelne Stück (oben, Seite, unten, Weitwinkel) und dann vor allem DER Close Up auf den langsam herabsinkenden Schokotropfen des weichen Kerns. Der Moneyshot der Bloggerszene. Wer will den schon essen, wenn er auch für Fotos geopfert werden kann? Die Jungs werden das Zeug auch angetrocknet essen.

”Gammelsonntaaaaag!”-Selfie auf Instagram sieht auch eher so aus, dass erst mal ein volles Ganzgesichtsmakeup aufgelegt wurde und mit legerer Ausgehkleidung kombiniert wurde. Den kunstvolle Bauernzopf hat man “nur so mal ausprobiert, ist nicht so schön geworden”, aber total perfekt und offensichtlich nicht zum 1. Mal probiert. Gammelfaktor over 200, wenn man unten noch die Lackhighheels aufblitzen sieht, mit denen man besser nicht auf Laminat gammelt. Dass jeder an diesem Sonntag gammelt bis auf Photoshop, muss man nicht erwähnen. Pickelchen werden kurz wegretuschiert, den Oberschenkeln wird mal eben ein kleiner Spinningkurs verpasst. Alles in allem sind Gammelsonntage bei Modebloggern offenbar fast so viel Rausputzerei wert wie die Hochzeit der besten Freundin bei Normalos.



So wenig Authentizität wirkt gekünstelt, unmenschlich und nach Plastikwelt. Das mag zwar perfekt als Bloggeridentität sein, aber Menschliche leidet darunter. Und das wird auch gern mal kundgetan, mal mehr mal weniger konstruktiv.

Sollen wir aber mal die andere Seite beleuchten?

Nehmen wir aber an, jeder ist ein Mensch, auch wenn es auf Instagram nicht so aussieht. Nehmen wir mal an, es gäbe eine Parallelwelt, wo alles ungeschönt und authentisch gezeigt werden würde.

Chillen im Wohnzimmer 2.0. Es sieht aus wie Sau. Ein Wäscheständer im Hintergrund, ein paar schmutzige Unterhosen auf dem Boden, die Katzen haben Tempos auseinandergepflückt und in die Ecke gespuckt und ach schau mal, da fliegt eine Staubmaus über den Boden.
”Igitt. Ich würde mich schämen, wenn es bei mir so aussieht.” – “OMG. Du bist schon xy Jahre alt, meinst du nicht, du solltest deine Wohnung sauberhalten können?!” – “Räum mal deinen Scheiß weg.”

Was wäre, wenn es morgens Fruit Loops mit Fanta Zero gäbe?
Dann wäre das Geschrei wahrscheinlich noch größer. “Wie kannst du nur? Du bist Blogger. Du bist ein Vorbild. Denk an deine Follower!!” – “Bist du noch ganz dicht? Das ist ja ekelhaft” – “Du weißt schon, dass du bald Diabetes bekommst?”

Wenn der Kuchen mal echt 08/15 wäre, oder einfach mal vom Bäcker geholt werden würde? Oder, Gott bewahre, mit einer Backmischung angerührt wäre, weil man kein Talent oder keinen Bock hat?
Dann kämen entweder keine Reaktionen oder das geheime Gemaule untereinander wäre gigantisch. ”Das ist ja total öde.  Ich will eigentlich mit sowas bei meinen Freunden angeben und die postet echt Rotweinkuchen.” – “Backmischungen?! Mein Gott. Die Mutter schämt sich bestimmt ordentlich für ihre Tochter.” – “Wie, du hast den Joghurtkuchen beim Bäcker geholt? Weißt du nicht, dass das alles nur noch Backshops sind und die echten Bäcker damit untergehen? Ich weiß nicht, wie du sowas unterstützen kannst.” – “Du bist doch erwachsen, du solltest echt in der Lage sein dein Zeug selbst zu machen.”

Die Gammelsonntage will ich gar nicht erst ausführen. Wer von uns würde schon ein Selfie hochladen, wenn man seit 2 Tagen nicht gekämmt ist, nachmittags um 16 Uhr noch im Schlafanzug rumläuft, die Augenbrauen aussehen wie die von Hagrid und man ein fleckiges Gesicht hat, weil die Katze einem ständig durchs Gesicht schleckt, weil man Erdnussflips gegessen hat? Ohne Filter? Ich glaube, kaum jemand. Nicht, wenn man im richtigen Gammelmodus ist.



Die Leute haben eigentlich gar keine andere Wahl, als ihre Perfektness aufrecht zu erhalten. Die Kritik ist einem ja immer sicher, aber jeder ist doch lieber überperfekt als schlampig. Wer will schon als “die mit den dreckigen Unterhosen auf dem Boden” in Erinnerung bleiben?