Samstag, 29. August 2015

Look at my Ohr, my Schmuck is amazing

Ich war noch nie der Typ, der etwas gesammelt hat. Gut, ich habe mal einen Sommer lang ganz penibel die Micky Maus gekauft, damit ich das Fähnlein Fieselschweif-Buch zusammenbekomme, die es als Beilage gab, aber das zählt nicht wirklich.

Wenn es aber um Ohrringe geht, habe ich total einen an der Klatsche.

Alles begann in meiner Kindheit Mir wurden auf eigenen Wunsch beim Optiker Ohrringe geschossen. Es tat schweineweh und ich bekam als Trost Toffee-Bonbons, die meine Heulerei nur noch schlimmer machten (“Ich.. ich.. HASSE KARAMELL!!!!”). Es hat sich im Endeffekt sofort furchtbar entzündet und die Goldohrringe von meinen Großeltern konnte ich nicht tragen. Der ruppige Versuch seitens meiner Eltern, die Löcher nach Abklingen der Entzündung einfach mit den “medizischen Ohrsteckern” wieder freizufetzen war schmerzhaft und eine verdammt beschissene Idee, die mich für Jahre von dem Wunsch nach Ohrlöchern befreit hat.
In meinen Teeniejahren ließ ich mir, klug wie ich war, wieder für 5 Mark Löcher schießen. Zu meinem Glück sind sie sogar ohne eine Sepsis abgeheilt.

Im Jahre 2007 kam dann der Umschwung. Ich war gerade im Müller, und irgendetwas war so grün, so strahlend, dass die Leute reihenweise erblindet sind und in die Regale fielen.

IMG_4399Das sind sie. Mein erstes Paar Ohrringe. Die Neonhaftigkeit kann man auf diesem Bild nur erahnen.
Ich kann kaum zählen, wie häufig sich Leute mit gequält zusammengepressten Augen von mir abgewendet haben – ich hoffe mal wegen der Farbgewaltigkeit und nicht wegen meiner absurden Schönheit. Oder weil sie mich für einen Basilisken gehalten haben. Wer weiß.

 

Mein Einsatzgebiet sind Billigohrringe, meine Dealer sind Kitschkruschtläden wie Kik, Tedi und nein, ich schäme mich kein Stück dafür. Mein Wille ist groß und mein Geiz noch stärker.

IMG_4400 Die Klassiker meiner Sammlung. Tröpfenförmige Ohrhänger in 1300 verschiedenen Ausführungen, Größen und Farben. IMG_4412

 

Ich kann es ehrlich gesagt gar nicht erwarten, um zum Herzstück meiner Sammlung zu kommen. OBSTOHRRINGE!
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Wenn ihr wissen wollt, was wahre Liebe ist, dann schaut mich und mein glückliches Gesicht an, wenn ich Obstohrringe gefunden habe. Die großen Erdbeerohrringe unten war der wunderschöne Anfangt. Erstanden habe ich diese für 1€ bei Tedi und meine Oma hat sie nur kommentiert mit “Naja, es ist ja bald Fasching”. Für mich ist nie Fasching, sondern ganzjährig Fruchtsaison und wer lachende Bananen an den Ohren hat, kann niemals grimmig schauen.

 

 

IMG_4410 Neben Früchten habe ich jedoch auch noch ein ausgeprägtes Faible für Saisonohrringe. Eistüten, Schneeflocken und – watch out – blinkende Christbäume. Lachende, blinkende Christbäume, Bitch! IMG_4404

Ich liebe meine Ohrringe, aber alle herzuzeigen, schürt nur Neid und Missgunst. Da bei originalen Marc Jacobs-Handtaschen mit herausblitzenden Moetflaschen ständig Kritikerkriege bei Fashionblogs ausbrechen und Bäckerinnen für gesponserte Kitchen Aid plus Zubehör und Schleichwerbung aufs Maul kriegen, werde ich mich jetzt mit meinem Modeschmuckreichtum zurückhalten in Gedenken an die armen Leute, die sich keine so große Sammlung an Plastikschmuck im Wert von 21,50€ leisten können.

Die schönste Herausforderung ist übrigens tatsächlich immer, das perfekt passende AMU dazu zu schminken. Nur riesige, blaue Ohrhänger können mich dazu verleiten, ein dunkelblaues AMU zu tragen.

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Ich rufe euch hiermit auf zum Ohrring-Battle. Wer kann meine ausgefeilte Sammlung überbieten? Wer hat Ohrringe in Wassermelonenform? Ich will Bilder, ich will Fotos, ich will Adressen und Links zu Ebayauktionen und zu Blogsales!

Sonntag, 9. August 2015

Lasse reden

 

Welcher von euch grandiosen Frangipanis kennt nicht die grandiosen Ärzte? Und wer kennt nicht diesen grandiosen Song der im Jahr 2007 die Charts, das Radio, sowie Viva und MTV (in den kurzen Musikblöcken, die zwischen der Werbung und Dismissed laufen) überschwemmt hat.
Die Ärzte - Lasse redn

Kurze Zusammenfassung für die, die sich damals in einem funklosen Bunker befanden: Alle zerreissen sich das Maul über einen. Man ist anders, man ist alternativ, man fällt durch seine Einzigartigkeit auf, die Nachbarn kriegen sich gar nicht mehr ein vor lauter abstrusen Geschichten, die sie über einen erfinden.
Als das Album damals released wurde, waren alle Fans begeistert. Man schüttelte sich gegenseitig die Hände, man fühlte sich verstanden.

In die gleiche Kerbe hauen etliche schreckliche Gifs und Fotos bei Facebook. Vorrangig werden sie von strangen Arbeitslosen oder Meganormalos gepostet.
”Nimm mich so, wie ich bin! Ich kann dir ein toller Freund sein, aber versuche mich nicht zu ändern!”, “Wenn jemand zu mir sagt, DU BIST DAS LETZTE, dann lache ich – weil das Beste kommt zum Schluss!”, oder “Teile, wenn du mich akzeptierst, auch wenn ich anders bin und Tattoos habe!”
Jeder lamentiert über Hater, Neider und irgendwie Bitches, die einem nicht mal eine gut gelungene Blondierung gönnen.

Also… ich nicht.
Ich verfüge über einen grandiosen Unsichtbarkeitsschutzschild, der mich noch nie im Stich gelassen hat. Harry Potter wär so neidisch auf mich.
Wie ich das mache?
Ich existiere einfach. Ich bin brav, ich seh lieb aus, ich tu keinem weh und ich bleibe niemandem im Gedächtnis. Manchmal ziemlich nützlich. Manchmal auch hinderlich, zum Beispiel wenn der Biolehrer einen 4 Jahre lang mit Sandra anspricht (so heiße ich nicht) und mir dann keine mündliche Note zum Jahresabschluss verteilen kann, weil “die ja gar nicht hier in der Klasse ist”.
Beim Durchzählen werde ich einfach vergessen, obwohl ich eigentlich größer bin als eine Johannisbeere. In einer Gruppe läuft das immer so ab: “Mathilda, Brigitte, Esther und… die Andere gehen zusammen in eine Gruppe” – Freut mich euch kennenzulernen, ich bin “die Andere”!
Ich bin seit fast zwei Jahren in einer “leitenden Position”. Wunderbar, wenn sich keiner, den du nur selten mal siehst, deinen Namen oder dein Gesicht merkt und dich immer für eine älterere Auszubildende hält. (Immerhin habe ich so den Vorteil, mich 5-7 Mal vorstellen zu dürfen und so den Namen meines Gegenübers auch nochmal zu erfahren. Ich habe nämlich ein beschissenes Namensgedächtnis. Dafür behalte ich wenigstens Gesichter im Kopf!)

Schön und tröstend ist einzig und allein die Tatsache, dass ich nicht allein bin. Es gibt noch mehr Leute wie mich. Ruhig, lieb, spießig und ein bisschen unsichtbar.
Ich habe vor über 10 Jahren eine wunderbare Freundin kennengelernt, der es genauso geht. Wir verschwanden also Hand in Hand aus den Gedächtnissen unserer Mitmenschen, sobald wir aus der Tür hinauswaren und ließen die Leute höchstens mal nach Kathleen und Sandra fragend zurück.

 

Um aber auf die Eingangsbeispiele zurückzukommen… ich bin ja quasi einer der Spießspacken auf dem Dorf, brav und nicht auffallend, introvertiert und total normal.
Und ich frage mich jedes Mal – Leute, wo wohnt ihr denn und was für Mitmenschen habt ihr denn, dass man euch angeblich verurteilt, weil ihr Tattoos habt und ach-so-alternativ seid?!

Keiner hasst heutzutage mehr Leute, weil sie eine andere Musik hören, anders geschminkt sind oder gepierct sind. Klar finden manche das hässlich und würden euch deshalb im allerschlimmsten und oberflächlichen Falle nicht ehelichen wollen, aber giftet man die Leute so an, dass man Bilder auf Facebook posten muss und sich damit als Oberopfer der Gesellschaft markiert?

Ich vermute einfach mal: Die Leute, die “euch” nicht leiden können, die über euch tratschen und Gerüchte verbreiten und sonstige schlimme Dinge machen – machen das, weil ihr euch verstritten habt oder weil einer von euch beiden Parteien ein Arschloch ist.
Ich bin nun wirklich in der tiefsten katholischen Kleinstadtprovinz großgeworden. Sogar in meiner schlimmen Dark-überdark-Gothic-Zeit, in der ich Kajalstife quasi zum Frühstück gegessen habe, habe ich sowas nicht erlebt. Ich hab jedenfalls für meinen Charakter mehr in die Fresse bekommen als für meinen schwarzen Lippensftift und mein bröseliges Nietenarmband vom EMP.

Und im schlimmsten Fall ist man fremden Leuten einfach scheißegal.

Dienstag, 28. Juli 2015

A ella le gusta 2005

Hallo und Wilkommen, liebste Blogleser, zu einer Reise in die Vergangenheit!

Ich habe im Zuge meines Autoverkaufs eben jenes zwangsweise ausgeräumt. Aufgetaucht sind neben einem Kilo Bonbonpapier, Dreck und den selbstgezüchteten Erregern verschiedenster unentdeckter Seuchenarten auch 200 CDs. (Weiterhin als vermisst gemeldet ist ein letztes Jahr heruntergefallenes Türkisch Pfeffer-Bonbon. Mach’s gut!).

Selbstgebrannte CDs – wisst ihr noch, wie toll das Anfang der 2000er war? CDs selbst machen? Man fühlte sich mächtig. Man konnte seine aktuelle Lieblingsmusik hören, selbst zusammengestellt und nach seinen eigenen Bedürfnissen gestaltet – und trotzdem in seinem Zimmer! bei freunden! Auf seinem CD-Player! Oder gar unterwegs auf seinem fancy Discman! Ganz ohne, dass man vorher sein Taschengeld zählen und einteilen musste um sich eine teure Bravo Hits/Orkus-CD zu kaufen. (Aber auch Rohlinge waren ehrlichgesagt 2001/2002 noch wahnsinnig teuer. Man musste echt überlegen, ob man seine Vodafone-Prepaidsim nochmal für 20 Mark aufläd oder 3x im Jahr neue Musik anschafft.)
Schauen wir nun ins Jahr 2005:

Rohlinge waren billiger und auf Spindeln zu bekommen. Audiogalaxy, Kazaa und Soulseek waren tot (und wurden auch vorher natürlich nicht benutzt, wer macht den auch sowas?). Youtube kam. DSL war verbreiteter. Das Brennen einer CD war in unter einer halben Stunde möglich. Sicherheitskopien und gerippte CDs waren nicht mehr nur Hohnwörter in unserem Sprachgebrauch. MP3-Player waren langsam auf dem Vormarsch.
Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade grandiose 18 Jahre alt. Ich hatte nette neue Freundinnen, die meinen Musikgeschmack leider nicht teilten. Ich war ab und an auf Plattenparties in Dorfturnhallen und in unser Dorfdisco im Nachbarort anzutreffen, was aber eher an den netten Freundinnen lag als an meiner Vorliebe für Aprés Ski-Mucke. Um dies angemessen durchzustehen, hatte ich ein statt-Vorglühen-Aufstyleritual. Ich gab mir also beim fertigmachen die volle Dröhnung meiner selbstgebrannten Prä-“Fortgeh”-CDs, bei dem mein meterbreiter Lidstrich gleich doppelt so gut flutschte, meine Crease sich gleich ein bisschen schwärzer schminkte und mein türkisgetönter Undercolor in vollem Glanz erstrahlte.

Die Scheibe, die mich in Verzückung gerieten ließ, als ich sie wiederfang, hat den philosophischen Namen “Sommer 2005”. Kommt mir, kommt mit mir ins Abenteuerland. Es gibt Relikte, die sind so viel wertvoller als goldene Schädel bei Tomb Raider.

Daddy Yankee – Gasolina
Bitte, wer kann dieses fantastische Stück der Musikgeschichte hören, oder mit dem Arsch zu wackeln? Das brauchte ich als Einstimmung auf Tanzmusik. Wie bei Sean Paul kann ich nicht anders, wenn ich den Song laufen habe: Ich wünsche ich mir ein nuttiges Röckchen und eine Stange. Nicht verschweigen will ich die Anekdote, dass mir mal Pudding übergekocht ist, weil MTV lief und ich plötzlich zu beschäftigt mit spanisch rappen und abdancen war. Nein, mir ist nichts zu peinlich.

Limp Bizkit - Eat you alive
Im Jahr 2000 war ich fanatischer Limp Bizkit-Fan. Die ersten drei Alben habe ich absorbiert. Vollständig. Als 2001 die VMAs in Frankfurt am Main stattfanden, war ich kurz davor, mit meinen 14 Jahren dramatisch von zu Hause abzuhauen und mich kreischend nach Fred Durst vors Studio zu stellen. Unglaublich, wie peinlich. Jedenfalls war ich 2005 rausgewachsen aus der Sache, erwachsen, volljährig. Ich habe jedenfalls das Video von “Eat you alive” gesehen und war sofort wieder bis aufs Übelste verknallt in Fred Durst. Schaut ihn euch doch nur an, gütiger Gott!

Tokio Hotel - Durch den Monsun
Sagt was ihr wollt, dieses Lied ist mein heimliches Laster. Ich find den Song einfach catchy. Er wird auch heute noch sehr gern lautstark im Auto mitgegröhlt, aber zum Parkkarte einführen im Parkdeck wird doch panisch leiser gedreht. Hier komme selbst  ich an die Grenzen meiner Peinlichkeit.

The Verve - Bittersweet Symphonie
Wer kennt es nicht. Nach einem Videoabend mit Eiskalte Engel hatte ich einen Ohrwurm. Schon beim ersten Hören auf der CD ging mir das Lied wieder tierisch auf den Sack und ich bereute es, die kostbaren Minuten auf dem Rohling vergeudet zu haben.

Ana Johnson – We are
Naja, wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, was mich da geritten hat.

Evita - Don’t cry for me Argentina
Schulchor. Mehr muss ich nicht sagen. Wie hätte ich mir den Text sonst so erfolgreich ins Hirn pressen können? Mich verbindet heute noch eine Hassliebe mit allen Songs, die ich durch stundenlanges Üben im Chor nicht mehr mögen kann. All my bags are backed, I’m ready to go – denn dank diesen Songs kann ich nicht mehr on Sunshine walken. Kein Bacardifeeling mehr für mich und ganz Argentinien weint. I had to let it happen.

Wir sind Helden - Nur ein Wort
Ein Lied, das ganz Deutschland echt nett fand und das nach einem Jahr Dauerschleife jeden dazu gebracht hat, es zu hassen. Ich kann es nicht mehr hören. Ihr könnt es nicht mehr hören. Keiner will es mehr hören. Alle Singstar-Scheiben sind an dieser Stelle mutwillig zerkratzt worden, es ist ganz oben auf der Liste “Totgehört” und hat sogar bei den RTL-Chartshows Spielverbot.

Avril Lavigne – Nobodys home (unplugged)
Damals war ich noch bei AOL, die auch unpluggte Livesendungen mit verschiedenen Künstlern streamten. Ausversehen war Avril Lavigne auf meinem “Willkommen! Sie haben Post.”-Bildschirm zu sehen. Ich wollte sie ehrlich nur failen sehen und habe darauf gewartet, dass sie jemand mit ihrem ungespitzten Kajal attackiert und ihr die Krawatte um die Ohren schlägt. Zu meinem Erstaunen war der Auftritt doch ganz nett und verschämt habe ich mir dieses Lied auf eine CD gebrannt.

Sean Paul – Get Busy
Ich habe so manche SWR3-Dance Night gesprengt, weil ich die kleinen Bitchen von der Tanzfläche gefegt habe. So einfach ist das. Oder um es mit den Worten des Videohochladers zu sagen: SO KRASSES LIED!!!

Radiohead - Creep
Auch ein Klassiker, den jeder Teenie seelenschmerzig auf voller Lautstärke und in seinen Tränen schwimmend in seinem Zimmer gehört hat. Gute Laune vorm Partymachen macht der zwar nicht, aber so lange habe ich selten zum fertigmachen gebraucht.

Letters to Cleo – Here and now
Tja, erwischt – schon damals habe ich das gemacht, was ich jetzt auch tue. Sentimental alte Songs gehört und mich jung gefühlt. Und über die Klamotten gelästert. WAS DIE ANHATTEN! “Na, wie gut, dass wir heutzutage stilsicher sind und besseren Geschmack haben.” – sprach die junge Vivamaid, zog ein H&M-Schnürtop mit Trompetenärmeln an, trug zerschnittene Strumpfhosen an den Beinen und Lidschatten ohne Primer und fand sich auch ohne Highlighter und Blush im Gesicht superschön.

Na, wie habt ihr euer 2005 in Erinnerung?