Dienstag, 28. Juli 2015

A ella le gusta 2005

Hallo und Wilkommen, liebste Blogleser, zu einer Reise in die Vergangenheit!

Ich habe im Zuge meines Autoverkaufs eben jenes zwangsweise ausgeräumt. Aufgetaucht sind neben einem Kilo Bonbonpapier, Dreck und den selbstgezüchteten Erregern verschiedenster unentdeckter Seuchenarten auch 200 CDs. (Weiterhin als vermisst gemeldet ist ein letztes Jahr heruntergefallenes Türkisch Pfeffer-Bonbon. Mach’s gut!).

Selbstgebrannte CDs – wisst ihr noch, wie toll das Anfang der 2000er war? CDs selbst machen? Man fühlte sich mächtig. Man konnte seine aktuelle Lieblingsmusik hören, selbst zusammengestellt und nach seinen eigenen Bedürfnissen gestaltet – und trotzdem in seinem Zimmer! bei freunden! Auf seinem CD-Player! Oder gar unterwegs auf seinem fancy Discman! Ganz ohne, dass man vorher sein Taschengeld zählen und einteilen musste um sich eine teure Bravo Hits/Orkus-CD zu kaufen. (Aber auch Rohlinge waren ehrlichgesagt 2001/2002 noch wahnsinnig teuer. Man musste echt überlegen, ob man seine Vodafone-Prepaidsim nochmal für 20 Mark aufläd oder 3x im Jahr neue Musik anschafft.)
Schauen wir nun ins Jahr 2005:

Rohlinge waren billiger und auf Spindeln zu bekommen. Audiogalaxy, Kazaa und Soulseek waren tot (und wurden auch vorher natürlich nicht benutzt, wer macht den auch sowas?). Youtube kam. DSL war verbreiteter. Das Brennen einer CD war in unter einer halben Stunde möglich. Sicherheitskopien und gerippte CDs waren nicht mehr nur Hohnwörter in unserem Sprachgebrauch. MP3-Player waren langsam auf dem Vormarsch.
Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade grandiose 18 Jahre alt. Ich hatte nette neue Freundinnen, die meinen Musikgeschmack leider nicht teilten. Ich war ab und an auf Plattenparties in Dorfturnhallen und in unser Dorfdisco im Nachbarort anzutreffen, was aber eher an den netten Freundinnen lag als an meiner Vorliebe für Aprés Ski-Mucke. Um dies angemessen durchzustehen, hatte ich ein statt-Vorglühen-Aufstyleritual. Ich gab mir also beim fertigmachen die volle Dröhnung meiner selbstgebrannten Prä-“Fortgeh”-CDs, bei dem mein meterbreiter Lidstrich gleich doppelt so gut flutschte, meine Crease sich gleich ein bisschen schwärzer schminkte und mein türkisgetönter Undercolor in vollem Glanz erstrahlte.

Die Scheibe, die mich in Verzückung gerieten ließ, als ich sie wiederfang, hat den philosophischen Namen “Sommer 2005”. Kommt mir, kommt mit mir ins Abenteuerland. Es gibt Relikte, die sind so viel wertvoller als goldene Schädel bei Tomb Raider.

Daddy Yankee – Gasolina
Bitte, wer kann dieses fantastische Stück der Musikgeschichte hören, oder mit dem Arsch zu wackeln? Das brauchte ich als Einstimmung auf Tanzmusik. Wie bei Sean Paul kann ich nicht anders, wenn ich den Song laufen habe: Ich wünsche ich mir ein nuttiges Röckchen und eine Stange. Nicht verschweigen will ich die Anekdote, dass mir mal Pudding übergekocht ist, weil MTV lief und ich plötzlich zu beschäftigt mit spanisch rappen und abdancen war. Nein, mir ist nichts zu peinlich.

Limp Bizkit - Eat you alive
Im Jahr 2000 war ich fanatischer Limp Bizkit-Fan. Die ersten drei Alben habe ich absorbiert. Vollständig. Als 2001 die VMAs in Frankfurt am Main stattfanden, war ich kurz davor, mit meinen 14 Jahren dramatisch von zu Hause abzuhauen und mich kreischend nach Fred Durst vors Studio zu stellen. Unglaublich, wie peinlich. Jedenfalls war ich 2005 rausgewachsen aus der Sache, erwachsen, volljährig. Ich habe jedenfalls das Video von “Eat you alive” gesehen und war sofort wieder bis aufs Übelste verknallt in Fred Durst. Schaut ihn euch doch nur an, gütiger Gott!

Tokio Hotel - Durch den Monsun
Sagt was ihr wollt, dieses Lied ist mein heimliches Laster. Ich find den Song einfach catchy. Er wird auch heute noch sehr gern lautstark im Auto mitgegröhlt, aber zum Parkkarte einführen im Parkdeck wird doch panisch leiser gedreht. Hier komme selbst  ich an die Grenzen meiner Peinlichkeit.

The Verve - Bittersweet Symphonie
Wer kennt es nicht. Nach einem Videoabend mit Eiskalte Engel hatte ich einen Ohrwurm. Schon beim ersten Hören auf der CD ging mir das Lied wieder tierisch auf den Sack und ich bereute es, die kostbaren Minuten auf dem Rohling vergeudet zu haben.

Ana Johnson – We are
Naja, wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, was mich da geritten hat.

Evita - Don’t cry for me Argentina
Schulchor. Mehr muss ich nicht sagen. Wie hätte ich mir den Text sonst so erfolgreich ins Hirn pressen können? Mich verbindet heute noch eine Hassliebe mit allen Songs, die ich durch stundenlanges Üben im Chor nicht mehr mögen kann. All my bags are backed, I’m ready to go – denn dank diesen Songs kann ich nicht mehr on Sunshine walken. Kein Bacardifeeling mehr für mich und ganz Argentinien weint. I had to let it happen.

Wir sind Helden - Nur ein Wort
Ein Lied, das ganz Deutschland echt nett fand und das nach einem Jahr Dauerschleife jeden dazu gebracht hat, es zu hassen. Ich kann es nicht mehr hören. Ihr könnt es nicht mehr hören. Keiner will es mehr hören. Alle Singstar-Scheiben sind an dieser Stelle mutwillig zerkratzt worden, es ist ganz oben auf der Liste “Totgehört” und hat sogar bei den RTL-Chartshows Spielverbot.

Avril Lavigne – Nobodys home (unplugged)
Damals war ich noch bei AOL, die auch unpluggte Livesendungen mit verschiedenen Künstlern streamten. Ausversehen war Avril Lavigne auf meinem “Willkommen! Sie haben Post.”-Bildschirm zu sehen. Ich wollte sie ehrlich nur failen sehen und habe darauf gewartet, dass sie jemand mit ihrem ungespitzten Kajal attackiert und ihr die Krawatte um die Ohren schlägt. Zu meinem Erstaunen war der Auftritt doch ganz nett und verschämt habe ich mir dieses Lied auf eine CD gebrannt.

Sean Paul – Get Busy
Ich habe so manche SWR3-Dance Night gesprengt, weil ich die kleinen Bitchen von der Tanzfläche gefegt habe. So einfach ist das. Oder um es mit den Worten des Videohochladers zu sagen: SO KRASSES LIED!!!

Radiohead - Creep
Auch ein Klassiker, den jeder Teenie seelenschmerzig auf voller Lautstärke und in seinen Tränen schwimmend in seinem Zimmer gehört hat. Gute Laune vorm Partymachen macht der zwar nicht, aber so lange habe ich selten zum fertigmachen gebraucht.

Letters to Cleo – Here and now
Tja, erwischt – schon damals habe ich das gemacht, was ich jetzt auch tue. Sentimental alte Songs gehört und mich jung gefühlt. Und über die Klamotten gelästert. WAS DIE ANHATTEN! “Na, wie gut, dass wir heutzutage stilsicher sind und besseren Geschmack haben.” – sprach die junge Vivamaid, zog ein H&M-Schnürtop mit Trompetenärmeln an, trug zerschnittene Strumpfhosen an den Beinen und Lidschatten ohne Primer und fand sich auch ohne Highlighter und Blush im Gesicht superschön.

Na, wie habt ihr euer 2005 in Erinnerung?

Montag, 6. Juli 2015

Adios Amor

 

Es ist normalerweise nicht meine Art, über emotionale Themen zu schreiben.
Es gibt aber Dinge, mit denen muss man sich wohl auseinandersetzen, um sie zu verarbeiten.

Ich habe wohl wirklich Glück damit, dass ich trotz meines biblischen Alters so lange davon verschont geblieben bin – aber mir steht meine erste, große Trennung bevor.
Lange Zeit hab ich mit mir gehadert, Pro- und Contralisten erstellt. Viel zu lange hab ich es dann so treiben lassen - ich habe die Fakten ignoriert und mir gedacht, dass es ja eigentlich doch nicht so schlimm sei.

Aber ganz ehrlich.. so glücklich bin ich einfach nicht mehr.
Das Alter, die kleinen Schwächen im Alltag.. und ganz ehrlich - er frisst mir die Haare vom Kopf.

Ich werde meinen geschätzten El Flitzo verkaufen.

Es ist nicht mein erstes Auto. Mein erster war ein handsome Fiat Seicento, meine große Autoliebe. Ich habe ihn leider an ein Garagentor verloren. Er ist verschrottet worden, daher konnte ich es zwangsweise auch einsehen und mich leichter von ihm verabschieden.

Weil er eben noch so tadellos fährt fällt mir wirklich schwer, ihn abzugeben und einzutauschen gegen ein neueres Modell. Aber dank meiner weiten Arbeitswege bleibt mir fast nichts anderes übrig. Außerdem saß letztens eine kleine Spinne hinter dem Lenkrad. Jetzt muss ich ihn loswerden, bevor die Mutter nachkommt.

Liebster El Flitzo,
5 Jahre lang hast du mich treu begleitet. Ich habe dich und deine bereits vorhandenen Schlüsselkratzer gesehen und wusste: Du bist wie ich. Ein wenig geschunden und ein bisschen hässlich, aber man kann dich nur lieb haben.
Jeden Tag bist du zuverlässig angesprungen. Du bist marderresistent, hast einen Hirsch und einen riesigen Feldhasen überlebt. Gut, du verschleißt Scheinwerferbirnen wie andere Autos Durftbäumchen, aber jeder hat sein Laster.
120 km/h mit dir zu fahren war immer eine Freude, vorausgesetzt man steht auf den Sound von startenden Düsenjets und hat nicht vor, etwa Musik oder Podcasts zu hören.
Andere Leute bekommen gern einen elektrischen Schlag, wenn sie dich an der Beifahrertür betatschen.
Eine Fahranfängerin ohne Sinn für Ästhetik kann wirklich von viel Freude an dir haben, sobald sie sich von den ersten Weinkrämpfen erholt hat, weil die Kupplung so anspruchsvoll und gemein ist und sie zur Begrüßung 7 Mal den Motor abwürgt.
Du bist mein liebster Partner wenn es darum geht, blöde Fettkühe zuzuparken, die mit Absicht scheiße geparkt haben.
Deine Klimaanlage ist ein schönes Accessoire, die an heißen Sommertagen zuverlässig die Sommerluft auf angenehme 37°C (arschwarmer Kuhfladen) runterkühlt. Ich wünsche, dass deine Nachbesitzerin genau so viel Freude… oder ähm, genau so viel Schulterzucken (Besser als nichts) damit hat.
Ich habe dich gemocht, wie du bist. Ohne jegliche Sonderausstattung.

Home is, where your Müll ist – und mein Müll ist im El Flitzo!

816

Montag, 20. April 2015

Scaryface

 

Ich habe 7 Tonnen Schminke und nicht genug Zofen, um meinen Bestand zu zählen.
Trotzdem schminke ich mich im Alltag gar nicht mehr. Wisst ihr warum?
Weil die Menschheit irgendwann verlernt hat, mein normales Gesicht zu ertragen.

Wenn man erst mal anfängt, sich jeden Tag auch nur ein bisschen aufzuhübschen (Mascara für die Albinowimpern, Concealer gegen die Augenringe, Puder gegen Speckbacken), gewöhnt man sich irgendwann daran, sich nicht mehr erschrecken zu müssen, wenn man an einem Schaufenster vorbeiläuft.
Das geht den Kollegen und Freunden aber auch so. Und wenn man einmal morgens verschläft, zu lange apathisch auf dem Klo sitzt oder einfach nur keine Lust hat:

“Oh Gott, wie siehst du denn aus? Ist was passiert? Geht’s dir nicht gut? Was hast du denn mit deinen Augenbrauen gemacht?!”

Prompt habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Oder ich fühlte mich genötigt, zuzustimmen - denn offenbar sah ich ja aus wie ein Pferdepo, da kann ich mir wenigstens eine Ausrede einfallen lassen. Wär ja auch zu peinlich, wenn mein normales Gesicht so entsetzlich wäre.
Ich muss mehrmals die Woche um 4.30 Uhr aufstehen. Natürlich sieht man dann auch nicht gerade aus wie auf den Out-of-bed-Fotos bei GNTM. Aber noch früher aufstehen, damit sich nicht alle sorgen? Oder gar nach dem Nachtdienst noch mal kostbare 5 Minuten für’s Abschminken brauchen? Im Ernst?

Ich habe mich also auf einen kalten Entzug begeben, der bestimmt schon 2, 3 Jahre her ist. Kein Schminkipupi mehr für die Arbeit. Ich habe meine Kollegen abgehärtet. Keiner erschrickt sich mehr vor mir, außer wenn es mir wirklich mal nicht gut geht, aber das lasse ich dann auch mal gelten (“Huch, ist dir schlecht? Du bist SO blass. Also, noch blasser. Du bist.. ENTFÄRBT!”).
Ich habe mich an meinen Anblick auch gewöhnt. Natürlich finde ich mich schrecklich, aber immerhin fühle ich mich nicht mehr so furchtbar wie nach solchen Huch-Oh Gott-Kommentaren.

Wenn einen die Welt nur in schrecklich kennt, ist man aber immerhin der Renner auf privaten Feiern und sonstigen Anlässen. Ein bisschen Mascara und so Kruscht und schon äußert sich jeder positiv.


… was einen dann aber natürlich wieder ins Grübeln bringt, ob man denn mit normalem Gesicht zu entsetzlich aussieht, dass ein bisschen Mascara und Concealer die ganze Welt jubeln lässt.